Jean Martin composes music for film, TV, theatre and performance. He is also a writer and lecturer at University of Brighton

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Mike Batt - Cage Disput

Der bizarre Rechtsstreit zwischen dem Popmusik Produzenten Mike Batt und dem Verleger Edition Peters um Cages berühmte Komposition 4'33 im Juli 2002
gesendet in Radio WDR 3, Studio Elektronische Musik, Köln, 7.5.2003

Viel Lärm um das Stille-Stück 4’33’’

von Jean Martin und Friedmann Kawohl 2-2003

Eigentlich wollte er nur einen Spass machen. Mike Batt, der englische Songschreiber und Arrangeur, hat seit den 70er Jahren Millionen verdient. Allein für die Musik zu den Kinderfiguren The Wombles erhielt er vier Goldene Schallplatten. Er hat Hits für Art Garfunkel und Cliff Richard geschrieben und die Rosinen der Klassisch-Romantischen Musik mit der attraktiven Geigerin Vanessa Mae noch süsser gemacht. Sein neuestes Projekt ist die Band ‘The Planets’. Als ihre CD “Classical Graffiti” im vorigen Jahr erschien, wunderten sich einige Musikfreunde. Wer den Track 13 auf dem CD Spieler anwählte, hörte einfach nichts, und das eine Minute lang.

The ‘Planets’ – das ist eine Gruppe von 8 jungen Musikern, die Batt von den Londoner Musikhochschulen angeworben hat. Kriterium war nicht nur, dass sie ihr Instrument passabel beherrschen, sondern sie sollten zudem auch noch hübsch aussehen. Die Mädels und Jungs sind auf dem Cover wie Popstars rausgeputzt. Auch in den Konzerten sind sie nett anzusehen, wenn sie Arrangements von den Highlights des klassischen Repertoires zum Besten geben.

Zwischen den Nummern Bolero Fantasie und Carmen Caprice hatte der Witzbold also eine lange Pause gelassen. Wer aber das Booklet zur Hand nahm, sah, dass Nummer 13 nicht versehentlich frei geblieben war. Sie hatte den Titel “A One Minute Silence” – “Eine einminütige Stille”. Und diese Stille hatte auch einen Autor, oder waren es zwei? “Batt Querstrich Cage – classical version” wie es im Titel heisst, wurden als die Urheber der Nichtigkeit angegeben, und das Wort classical unterstreicht wohl die Ernsthaftigkeit des Witzes.

Nun weiss zwar jeder Kulturbeflissene, dass der amerikanische Komponist John Cage ein Werk mit dem Titel 4’33’’ geschrieben hat, ein Werk, das der Komponist selbst machmal ‘das Stille Stück’ genannt hat und das zu vielfältigen Spekulationen über das Ende der Musik und der Kunst überhaupt angeregt hat und so zu einer Ikone der Avantgarde geworden ist.

Mike Batt aber ist alles andere als ein Freund der Avantgarde. Kein Verständnis hat er etwa für die ‘New Brit Art’ – jene Gruppe von Künstlern, die in den späten 90ern durch Arbeiten mit Tier- und Menschenleibern die englische Öffentlichkeit provozierten.

Mike Batt: “.. I find blank canvasses and sheep pickled in formaldehyd rather uninspiring. B3: In a way I was poking fun at Cage. I was - not in a terrible way but just having a very little joke about the fact that he wrote a piece of silence ....” “Ich finde leere Leinwände und Schafe, die in Formaldehyd konserviert werden nicht sonderlich inspirierend… In gewisser Weise wollte ich mich über Cage lustig machen. Ich wollte einen kleinen Witz über die Tatsache machen, dass er ein Stück Stille geschrieben hatte.”

Einen Witz also wollte er sich machen, einen Witz über die Avantgarde und über John Cages Einfall, ein stilles Stück zu komponieren. Mike Batt und die Plantes stürmten mit ihrer CD “Classical Graffiti” die Hitlisten. Allein in England wurde sie mehr als 100.000 Mal verkauft.

Das Werk von Cage wird weltweit von der Edition Peters verwaltet.
Als der Londoner Verlagschef Nicholas Riddle die Abrechnungslisten der Verwertungsgesellschaft durchsah, fiel ihm auf, dass Cages 4’33’’ plötzlich erhebliche Tantiemen einspielte, denn wegen der Nennung von Cage als Mitautor und der “classical version” im Titel hatte die Verwertungsgesellschaft stillschweigend angenommen, dass es sich um eine Version des Werkes von Cage handelte. Auch Mike Batt studierte seine Abrechnungslisten mit der Verwertungsgesellschaft genau. Als er merkte, dass alle Tantiemen für sein selbstkomponiertes Stück originaler Stille an den Peters Verlag gingen, war er nicht sonderlich amüsiert. Durch seinen als Witz gemeinten Hinweis auf Cage hatte Batt allerdings das Missverständnis selbst provoziert. Damit war die Stunde der Rechtsanwälte eingeläutet. Der Streit eskalierte rasch, bis Peters mit einem Gerichtsverfahren drohte.

Anfang September 2002 organisierten die zwei Streit-Parteien, in bester Englischer Tradition des Fair-Play, in London eine Performance exklusiv für einige interessierte Journalisten. Geklärt werden sollte, welches der beiden Tacet Stücke nun das authentische sei. Mike Batt dirigierte die Planets mit der konventionell notierten Partitur seines Stücks “A One Minute Silence” und folgte den leeren Notenlinien mit Hilfe einer Stoppuhr. Danach interpretierte der Klarinettist Marc Dooley 4’33’’ von John Cage in der Peters Version von 1960.

Nachdem der Applaus abebbte, argumentierte Batt aufgeregt, dass seine Stille völlig anders war und viel besser sei als die von Cage.
Cages Verleger Nicholas Riddle aber hat das ganz anders erlebt:

Nicholas Riddle: “They (Planets) performed the piece, Mike Batt conducted it, which was very different from our piece, which was just for a solo performer. I would say, the effect was pretty much the same, because we all sat in the same room and just as Cage intended we listened to the same air conditioning unit, the same creaks from the chairs, the same rustling of people moving papers and noise from outside etc. To me that actually was the same piece. He has a better argument in a way from the recorded piece because that is genuinly a digital silence. That is a better case. But actually performing this they unquestionably performed a minute's worth of 4'33 because of the context and what they were trying to do."
Die Planets führten A One Minute Silence auf. Mike Batt dirigierte, und das war natürlich völlig anders als unser Stück, das für einen Solisten war. Aber die Wirkung war ziemlich ähnlich, da wir alle in einem Raum saßen und genau, wie Cage es wollte, derselben Klimaanlage zuhörten, dem gleichen Knarren der Stühle, dem Rascheln von Papier und den Geräuschen von draußen. Für mich war es dasselbe Stück. Allerdings ist sein Argument überzeugender, wenn es um auf das aufgenommene Stück geht, weil das aus einer echten digitalen Stille besteht. Aber als sie es aufführten, war das zweifellos eine Minute aus 4’33’’ wegen des Kontextes und was sie damit erreichen wollten.”

Am Tag darauf platzte die Englische Presse dann mit Schlagzeilen heraus wie: Kann Stille kopiert werden? Was ist originale und was kopierte Stille? Lässt sich Stille urheberrechtlich schützen? Ein Journalist schlug sogar vor, die Pausen in allen jemals komponierten Musikstücken Cage zuzuschreiben. Cage hätte sich über all dies sehr amüsiert.

Wie bei vielen Witzen rührt auch die Komik dieses Streits von einem Missverständnis her. Es werden zwei Argumentationsebenen vermischt. Batt sah in 4’33’’ nur Stille, also Nichts und mokierte sich darüber, dass sich ein Stück Nichts als Musikwerk verkaufen lässt. Cage ging es allerdings um etwas ganz anderes, nämlich darum, den Zufall in die Musik einzuführen, um die Klänge von jeglichem kompositorischen Willen zu befreien.

Doch Nocholas Riddle vom Peters Verlag versucht einzuschränken:
Riddle: "If you had the 1 minute silence that took place all around Europe on Sept. 11 would that be something that one could claim as John Cage? .., The answer is actually no. Of course we are not trying to do that. The only thing we want to protect is a performance of John Cage's work 4'33. For that you have to say it is John Cage and declare it as being a musical event related to John Cages concept."
Nehmen wir die Schweigeminute, zu der nach dem 11. September in ganz Europa aufgerufen wurde. Wäre das etwas, das man als John Cage-Eigentum deklarieren könnte? Die Antwort ist nein. Natürlich versuchen wir soetwas nicht. Wir versuchen nur, eine Aufführung von John Cages Werk 4'33" zu schützen. Wenn man das macht, dann muss man erklären, dass es sich um John Cage handelt und ein musikalisches Ereignis ist, das sich auf John Cages’ Idee bezieht.”

Was ist nun diese Idee? Cage komponierte sein berühmtes Stück 4’33’’ im Jahr 1952. Schon 1949 hatte er die Idee,“ein Stück mit ununterbrochener Stille zu komponieren und es der Muzak Corporation zu verkaufen. Cage: “Es wird drei oder viereinhalb Minuten lang sein - was die Standardlänge von Konservenmusik ist - und sein Titel wird Stilles Gebet sein.” Überflüssig zu sagen, dass die Muzak Corporation dankend ablehnte.
Zu dieser Zeit begann sich Cage auch für Östliche Philosophie zu interessieren. Er studierte Zen Buddhismus mit Daisetz T. Suzuki.
Damals studierte auch die Inderin Gita Sarabhai Kontrapunkt bei Cage.
Im Gegenzug unterrichtete sie ihn in Indischer Musik. Sie machte Cage darauf aufmerksam, dass in Indien der Zweck von Musik sei, Stille in den Geist zu bringen, um die Seele für göttliche Einflüsse zu öffnen. Cage war tief beeindruckt.

4’33’’ wurde 1952 von David Tudor in Woodstock bei New York uraufgeführt. Erst Jahre nach der Uraufführung entschied sich Cage, 4’33’’ zu notieren und von seinem Verleger Peters 1960 veröffentlichen zu lassen.

In der Aufführungsanweisung heisst es: Das Werk kann von jedem Instrumentalist (-en), d.h. einem oder mehreren aufgeführt werden und die Sätze können beliebig lang sein.

Bei 4’33’’ geht es demnach um einen Zeitrahmen, in dem zufällige Umweltgeräusche ertönen. Oder Stille.

In dieser Zeit erforschte Cage das Phänomen der Stille auch durch ein Selbstexperiment. 1951 ging er an der Harvard Universität in einen schalltoten Raum mit dem Ziel, absolute Stille zu erfahren. Cage: “Ich hörte zwei Töne, einen hohen und einen tiefen. Als ich sie dem Ingenieur beschrieb, erklärte er mir, dass der hohe Ton von meinem aktiven Nervensystem stamme und der tiefe von meinem zirkulierenden Blut. Bis ich sterbe, werden Klänge dasein. Und sie werden auch nach meinem Tod weiterexistieren. Man braucht sich nicht um die Zukunft der Musik zu sorgen.”

Cage hielt 4'33" für sein wichtigstes Stück. Es ging ihm nicht um Stille, die nach seiner Definition nicht existierte, sondern darum, Intention aufzugeben. Cage definierte Stille als die Abwesenheit von absichtsvollen Klängen. Cage: “Stille ist nicht akustisch. Sie ist die Veränderung der Aufmerksamkeit”.

Die Aufmerksamkeit von Mike Batt, 50 Jahre nach der Uraufführung jenes epochemachendes Werkes richtete sich auf etwas ganz anderes: wie sollte er den drohenden Rechtsstreit mit Peters abwenden. Batt war sich sehr wohl der möglichen rechtlichen Konsequenzen bewusst, war er doch selbst lange Jahre im Vorstand der Performing Rights Society, die die Rechte der Englischen Musikurheber wahrnimmt. Die Verwertungsgesellschaft wollte nicht als Schiedsrichter auftreten in einem Streit zwischen zweien ihrer Mitglieder. Deshalb wandte sich Batt direkt an Peters.

Batt: "…So I rang the other side and said: Look this is crazy. You can't possibly win . The only case you might have against me is passing my work off as if it were John Cage's. There is no copyright case at all. You might get me for passing off, but you'd have to work very hard and would probably lose. So, let's leave it, let's shake hands on it. It has been fun, but let's not get too serious about it and let's leave it where it is. I will make a donation in good faith without any admission of guilt to the John Cage foundation and they decided that was a sporting way of closing the matter." … Also habe ich die Gegenseite angerufen und gesagt: Also das ist verrückt. Ihr könnt unmöglich gewinnen. Das einzige Argument, das ihr gegen mich vorbringen könnt, ist, dass ich mein Werk als eines von John Cage vorgetäuscht habe. Es geht hier nicht ums Urheberrecht. Man kann mich wegen Vortäuschung falscher Tatsachen anklagen, aber ihr müsstet sehr hart daran arbeiten und würdet wahrscheinlich verlieren. Also lasst uns die Sache vergessen, lass uns die Hand reichen. Es war ein Spass, aber lasst uns die Sache nicht zu ernst nehmen. Ich werde eine Spende in gutem Glauben ohne Eingeständnis von Schuld an die Cage Foundation machen. Sie fanden, dass das eine sportliche Art war, die Angelegenheit zu beenden.”

Batt zahlte eine Spende von über £100.000, und zwar nicht an Peters, was einem Schuldgeständnis gleichgekommen wäre, sondern an die New Yorker Cage Foundation. £100.000, das ist eine enorme Summe für eine Minute digitaler Stille. Aber in Relation zu den Verkaufszahlen der “Classical Graffiti” CD ist das durchaus angemessen: 100.000 waren es allein auf dem englischen Markt, im Rest der Welt wohl mindestens noch einmal so viel.

Batt: “I found it interesting that they never made their case until the Planets were so successful and selling lots and lots of records and were number 1 in the classical charts in England for 3 months. And it was only after the band had been so successful for such a long time that they realised that it might be worth making a claim... and had the Cage foundation won this case it could have been expensive for me because the royalties payable would have been very substantial."
“Ich fand es interessant, dass Peters erst vors Gericht ging, als die Planets erfolgreich waren und eine Menge Platten verkauften und während 3 Monaten die Nummer 1 in den klassischen Charts waren… Erst dann realisierten sie, dass es möglicherweise wert war, eine Forderung zu stellen… Wenn die Cage Foundation diesen Fall gewonnen hätte, wäre das für mich teuer geworden, da es um substantielle Tantiemen ging.”

Und was ist die Moral von der Geschicht? Cages 4'33" ist ein radikales Stück Musik – oder Nicht-Musik. Es ist der Schlusspunkt unter eine abendländische Musiktradition und ein Bruch mit ihr, nämlich der Versuch einer Befreiung der Klänge von jeder willkürlichen musikalischen Organisation. Cages Ästhetik entzieht dem Europäischen Urheberrecht im Grunde den Boden. 4'33" lässt sich als musikalisches Werk im traditionellen Sinn nicht mehr schützen, denn dafür müsste es einen Autor geben, der sich ausdrücken will. Genau das aber wollte Cage nicht sein. Für ihn war es, wie er einmal sagte, “absolut beängstigend, dass Töne ein Vehikel sind, um die Ideen und Gefühle eines Menschen aus seinem Kopf in den eines anderen zu befördern.” Krasser könnte der Widerspruch nicht sein zur romantischen Tradition, die Musik als “tonleidenschaftlichen Ausdruck eines Gefühls” oder als “wahre Empfindungsrede” definierte.

Für den Ausgang des Streits hatten diese philosophische Spekulationen allerdings keine Konsequenzen. Allein der Verweis auf das Werk von Cage im Titel, nicht die tatsächliche digitale Aufnahme von Stille, hat den Streit ins Rollen gebracht.

Nicholas Riddle: ”The substance of the piece is to do with intention. ... I realise it's right at the edges of the argument. It is at the extreme end of what you can call a performance. But it is at the extremes where you find out what the boundries are between what is and what isn't a work of art or a legally enforceable copyright.” “Die Essenz des Stücks 4'33" hat mit Intention zu tun... Es befindet sich am Rand von dem, was man eine Performance nennen kann. Aber in den Extremen findet man die Grenzen zwischen dem, was Kunst oder Nicht-Kunst ist oder was urheberrechtlich schützbar ist.

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